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Shakespeare Retreat

Shakespeare Retreat Mondsee 2020

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Zum zweiten Mal fand im Rahmen der Sommerakademie der Schule des Theaters das „Shakespeare Retreat am Mondsee“ statt – ein Eintauchen in die Welt von William Shakespeare, in seine Stücke und in die englische Welt des 16. Jahrhunderts.

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ‘nen Traum – ‘s geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. (Zettel, Sommernachtstraum)

Der Shakespeare Retreat 2020; Reichhaltig, vielfältig, lehrreich und freudvoll, entspannend, atmend und tief berührend…

Every breath is a new moment (K. Linklater)

Diesmal war nicht nur der Atem jeden Moment neu. So hat allein das en suite auf dem Spielplan stehende Drama „Covid 19“ ein ganz anderes, frisches Verständnis der gesundheitlichen Situation und des Zusammenlebens der Menschen im 16. Jahrhundert bewirkt. Nein, Corona ist dem Himmel sei Dank nicht mit der Pest zu vergleichen und doch sind Parallelen im Verhalten der Menschen, in ihren Reaktionen und in den Maßnahmen festzustellen, z.B. Quarantäne, Abstand, Masken und nicht immer steckten sich alle, die in einem Haus lebten, auch an … Wer hier mehr wissen möchte, dem empfehle ich „Shakespeares Welt“ von Ian Mortimer, eine unterhaltsame Einführung in die Welt des 16. Jahrhunderts

Shakespeare hat kein Stück über die Pest geschrieben, sie kommt jedoch vor, z.B. als Fluch in „Der Sturm“:

Hol’ die Pest Euch. (Caliban, Der Sturm)

In diesen Sommer von ‚unserem’ Caliban kraftvoll mit der Pest verflucht zu werden, wirkte auf uns Zuschauenden so unmittelbar, dass mancher zurückwich.

Das Theater ändert sich ständig, während die Texte Shakespeare sich nicht ändern. Was in Bewegung ist, ist die Beziehung zwischen den beiden.
(Vergessen Sie Shakespeare, Peter Brook)

Andere aktuelle Themen waren ebenso da: Der Streit zwischen Titania und Oberon wirkte fast als Brandrede über die Klimakrise und die eigene Verantwortung.

Der Lenz, der Sommer,
Der zeitigende Herbst, der zornge Winter,
Sie alle tauschen die gewohnte Tracht,
Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr
An ihrer Frucht und Art, wer jeder ist.
Und diese ganze Brut von Plagen kommt
Von unserm Streit, von unserm Zwiespalt her;
Wir sind davon die Stifter und Erzeuger.

Wie wird es?

In der Vorbereitung war ich auf der einen Seite versunken in Shakespeares Stücke, in der Forschung über seine Sprache und der Welt, die hinter der Auswahl der 10 Monologe für die 10 Teilnehmenden steckt. Auf der anderen Seite dräute die Frage: Wie wird es sein mit Abstand und gegebenenfalls Maske diese doch so persönliche, natürliche, stimmbefreiende Arbeit zu machen? Wird der Zauber der Arbeit sich entfalten?

Dem Himmel sei Dank konnten wir vor allem draußen im großzügigen Abstand arbeiten, proben und spielen, inklusive Abhängigkeit vom Wetter, eben wie zu Shakespeares Zeiten.

Und ja, das Konzept war wie letztes Jahr: Meine Grundlage war wie immer „Freeing Shakespeare’s Voice“ von meiner hochverehrten Lehrerin Kristin Linklater.

Immer wieder war ich tief berührt von der Wirkung ihrer Methode: Wie die Stimmen freier wurden, wie Nuancen zu hören waren, die vorher nicht zu erahnen waren, wie alles lebendig wurde, weil der Sinn erfahren wurde, während es gesprochen wurde, statt dass die Erfahrung eines ‚Bekannten’ beschrieben wurde.

Dieses Jahr war der Kurs für mich in Memoriam Kristin Linklater. Ich hatte oft die von ihr sogenannten ‚Litanies’ direkt im Ohr wie

Don’t use a ‚teacher’s voice’; breath, sigh, let the thought drop in and speak from yourself, don’t shout it, don’t push it, think it and communicate it. (K. Linklater)

und weitere wie:

Feed yourself a sigh of relief (K. Linklater)

Und das machten wir alle. Allein schon in dieser Zeit unter freien Himmel miteinander frei durchatmen zu können, sich andere Gedanken zu eigen zu machen, durchlüftet zu werden, eine ‚community’ im lateinischen Wortsinne des ‚public spirit’, zu bilden, von Moment zu Moment auf einer Wiese mit Bergblick zu sein und gleichzeitig sich mit der englischen Gesellschaft des 16. Jahrhundert durch konkrete Übungen von Kristin Linklater zu verbinden, war sehr speziell in diesen Zeiten.

Trust the breath (K. Linklater)

Unsere erste Begegnung am Sonntagnachmittag bei strahlenden Sonnenschein auf der Wiese vor dem Kulturgut Höribachhof ist auf Abstand, gefühlt innerlich und äußerlich mindestens 1 Meter – wenn aus Österreich, 1,5 Meter – wenn aus Deutschland. Dennoch: Der Atem, der uns mit seinen Aerosolen eigentlich trennt in diesen Tagen, verbindet mit seinem universellen Rhythmus und Tiefe auch auf die Distanz. Das Aufatmen in der Natur, der Seufzer der Erleichterung wird für alle immer tiefer, wir verbinden uns mit ihm und dadurch auch mit der eigenen Figur, dem Alter Ego für diese 5 Tage.

Get the stuff from the inside to the outside (K. Linklater)

Es gibt keinen anderen Atem-, Stimm, Sprech-, ja Denkapparat, nur weil Shakespeare gesprochen wird. Salopp gesagt: Man kann sich keinen anderen Körper dafür extra mieten. So geht es in den ersten Einheiten des Stimm- und Sprechtrainings und der Forschungsarbeit immer wieder nach innen, in die eigene Mitte. Wir suchen, wie die eigene Stimme, das Sprechen, Denken so flexibel und transparent werden kann, dass die zunächst fremden Gedanken-Impulse der Shakespeare-Monologe von innen nach außen frei und lebendig im wahrsten Sinne ver-laut-bar-t werden können: hinaus in die Natur, unterstützt nicht von einem Blatt Papier mit linear geschriebenen Text, sondern von ‚Einmurmler*Innen’ der Textgestalten, so dass sich der oder die Sprechende ganz auf das konzentrieren kann, was die Gedanken in ihr und ihm bewirken und es in die Welt unmittelbar kommunizieren kann. Schon da entstehen ‚hA-Erlebnisse’ und die Erkenntnis, dass nicht Ideen geäußert werden, sondern dass jede Äußerung mit einem selbst zu tun hat – bis ins (Knochen-) Mark hinein und hinaus.

Let the words play you (K. Linklater)

Am dritten Tag regnet es am Vormittag – perfekt: In Paaren erforschen die Teilnehmenden Wort für Wort ihren Monolog, angeregt durch die Fragen ihrer neugewonnen Shakespeare-Freunde. Pünktlich für die Nachmittagssession kann es wieder mit einem Dankgebet für das Wetter nach draußen gehen.

The excitement is in the text (K. Linklater)

Gefüttert nicht nur mit köstlichem Kuchen, sondern auch mit der sinnlichen Erfahrung der Worte, werden die Worte zu Phrasen, Sätzen und Textgestalten. Das Sprechen des zunächst fremden Textes wird immer lebendiger, mit Erfahrungen bereichert, um dann über die Wiese hinweg mitgeteilt zu werden. Neue Facetten und Schichten werden entdeckt bei den ‚Alter Egos’, d.h. der eigenen Figur. Gleichzeitig verändert sich auch das Wahrnehmen der Anderen. Wie ein Teilnehmer meinte: „Ich höre ganz andere Dinge und nehme den anderen frischer wahr.“

Yearning for the unknown (K. Linklater)

Später Nachmittag des 4. Tages: Die Teilnehmenden fangen den Text im wahrsten Sinn zu gestalten an, sie verkörpern ihn und verorten ihn in sich und in der Natur. Jede*r sucht sich einen Ort auf dem Gelände aus. Bis in die Nacht wird geprobt und probiert. Es ist magisch: Den Sternenhimmel über uns, verspricht Titania, ihren Geliebten vom Erdenstoff zu befreien und mahnt, nicht aus dem Hein zu fliehen. Zettel hat einen Traum der über Menschwitz geht und Macbeth flüchtet vor seinem eigenen Irrsinn immer im Kreis um eine abgestorbene Linde. Angelo fragt: Wer sündigt mehr? Ist’s die Versucherin, Ist’s der Versucher?

Spend it all! There is more without any effort (K. Linklater)

Und bei Tageslicht? Geschieht unverhofft wieder die Magie: Zu erleben, wie ein Mensch von Moment zu Moment seine Gedanken entwickelt und vergessen lässt, dass es nicht ihre/seine eigenen sind. So sagen danach die Teilnehmenden u.a. im Feedback: Es lässt einen nicht kalt… Ein wunderbares theatrales Erlebnis der Extra Klasse, es wird deutlich wie sehr Shakespeare über die Sprache lebt und wie sie lebendig wird durch diese Art der Arbeit – für alle, sowohl für die Beteiligten als auch die Zuschauenden, die die 10 Stationen durchwandert haben. Sie lauschten Shakespeares Texten rund um einen Traktor oder vor einem Trampolin, welches zum Hein wurde. Sie lauschten einer Brandrede vom Balkon herab, dem Ausgestossenen vor seiner Hüte. Sie hörten, wie jemand unter einem Baum versucht, seinen Traum zu verstehen. Sie vernahmen, wie sich in einer Laube jemand vor sich selbst rechtfertigte, weil er sich gleich dem Bösen hingeben wird. Sie waren auf einer Gartenterrasse zu Gast, wo sich über die Männer an sich und im speziellen echauffiert wurde. Und sie wurden Zeuge des letzten Zögerns vor einem Mord. Zum Schluss wird alles in der Mitte unseres 5-tägigen Spielfeldes zusammengefasst:

Die ganze Welt ist Bühne,
Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab …

Theatralen Dank an alle, die dieses Shakespeare Retreat der Schule des Theaters gelingen haben lassen durch ihr sich einlassen, ihre Neugier, Sinnlichkeit, Humor, Ideen, Forschergeist, und vor allem das Loslassen von Konzepten, um sich der Freiheit zu überlassen, alles auszuprobieren

Dank auch an Ingrid Sturm, an die wunderbare Köchin, an den Ort, an das Wetterwesen und an Kristin Linklater für „Freeing Shakespeare“ und für alles, was sie in diese Welt gebracht hat …

Let the stream of vibriations flow.

Christine F. Steinhart

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